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1981 / USTER

Resümee zur 4. Fachtagung für Blasmusikforschung und zum II. Weltforum
für originale zeitgenössische Blasmusik

Fritz Thelen, Lindenberg/ Allgäu


Zum zweiten Mal verbanden sich die Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik und die Festlichen Musiktage Uster zu einer gemeinsamen Großveranstaltung in der Schweiz. Der Vorzug dieser Konstellation hatte sich schon 1977 bei der erstmaligen Zusammenlegung erwiesen. "Brennpunkt internationaler Blasmusikaktivitäten" und "Blasmusik in Forschung, Theorie und Praxis" waren die Kopfthemen der beiden Gruppierungen; Musikologen, Fachmusiker und Blasorchester aus Japan, den USA, der CSSR, aus England, Norwegen, Schweden, den Niederlanden, Österreich und der Bundesrepublik Deutschland trafen sich. Blasmusik als das Selbstverständliche, als die überall stets präsente Musizierform - ist sie vorwiegend ein musikalisches oder vorwiegend ein soziales Phänomen? - Unausgesprochen schält sich diese Frage aus allen Forschungsansätzen, Dokumentationen und Aufführungen.

Das Fest und sein vielgestaltiger Veranstaltungskalender zogen in der Zeit vom 24. bis 27. September 1981 nicht nur großes Interesse und ungeteilte Aufmerksamkeit eines breiten internationalen Publikums, sondern auch die Mitwirkung von Repräsentanten des schweizerischen öffentlichen Lebens auf sich. So hatte Bundesrat Doktor Hans Hürlimann das Patronat übernommen, und zwar in Zusammenarbeit mit dem Präsidenten des Regierungsrates, Dr. Peter Wiederkehr, und dem Stadtpräsidenten von Uster, Walter Flach.

Flach durfte beim Empfang für die Prominenten der Veranstaltung mit Fug und Recht sagen, Uster sei von jeher eine musikalisch aufgeschlossene Stadt gewesen. Er beantwortete in seiner Ansprache die Frage, warum gerade eine so kleine Stadt sich verpflichtet fühle, die "Festlichen Musiktage" zu beherbergen, mit umfangreichen Ausführungen zur Schweizer Zeitgeschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Dabei zeichnete er ein düsteres Bild der inneren Heimatlosigkeit des Menschen im Zusammenhang mit der technischen Entwicklung, die fast nichts mehr zu entdecken und anzustreben übriglasse. Zu diesem Zeitpunkt sei Musik zu einem besonderen Halt für den Menschen geworden.

Reiches Angebot an Fachvorträgen

Eine Fülle von Vorträgen offerierte das Tagungsprogramm der Internationalen Gesellschaft: Zunächst eröffnete Präsident Prof. Dr. Wolfgang Suppan den Kongress mit dem Hinweis auf die kulturpolitischen Beiträge, welche die Gesellschaft mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Phänomens Blasmusik leisten könne. Innerhalb der Blasmusikbewegung selbst habe die Existenz und Arbeit der Gesellschaft eine ausgesprochen stabilisierende Wirkung in den Bereichen Kreativität und Ausführung. Welche Literaturlücke beispielsweise die bisher in der Rehe "Alta musica" publizierten Kongressberichte und Monographien zu füllen vermochten, zeigt sich auf einen Blick, wenn man Buchhandelsverzeichnisse und Musiklexika befragt. Während die einen außer den Titeln von "Alta musica" nicht viel mehr enthalten, kennen die anderen den Begriff Blasmusik nur als Verweis, während sie sich allen Sparten der Trivialmusik doch weit öffnen. Die Breitenwirkung der Blasmusik wurde damit bisher ignoriert.

Ergänzt durch reiches Bildmaterial, wurde die volkskundliche Untersuchung von Brigitte Bachmann-Geiser über die "Musiker der Bandella Tremonese" im Tessin zu aufschlussreicher Information über die ethnischen Voraussetzungen für den Zugang zur Blasmusik. Ähnliche Ausgangspositionen beleuchtete Erich Schneider im zweiten Referat für Vorarlberg und das angrenzende Allgäu beim Thema "Türkische Musik bei gottesdienstlichen Funktionen". Die neuere Entwicklung des Blasmusikwesens in ihren Ländern umrissen Norman Heim mit "The Symphonic Band and Wind Ensembles in the USA" und Thomas Hancl mit "Perspektiven der Blasmusikentwicklung in der CSSR".

Fundierte instrumentalgeschichtliche Beiträge kamen am zweiten Tag von Kurt Janetzky zur "Geschichte des Hornquartetts", von Michael Nagy zum "Fagottbau in Wien", von Helmuth Teufelberger über "die Tuba bei Richard Strauß" und von Eugen Brixel über "Die Trompetenschulen von Andreas Nemetz als Spiegel der zeitgenössischen Trompeterpraxis und des Trompetenunterrichts in der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts".

Eine etwas bedrückende, aber nicht unbedingt für die ganze Bundesrepublik repräsentative Darstellung der "Situation der Blasmusik an den Gymnasien des Landes Nordrhein-Westfalen" gab Werner Düring. Zur Instrumentaldidaktik sprach Elli Edler-Busch mit "Luftdruck, Atmung und Ansatz im Verhältnis zum Bläserklang".

Am dritten Tag brachte Franz Zebinger zu seinem Thema "Das Instrumentarium der Etrusker unter besonderer Berücksichtigung der Blas- und Schlaginstrumente im Spiegel der bildlichen Überlieferung" ebenfalls viele Diabeispiele. Gunther Joppig sprach über "Sarrusophone, Rothphone und Rohr-Kontrabass", während sich abschließend Peter Ruhr und Robert Rohr wieder soziologisch dominierten Fakten zuwendeten: der erstere, leicht ideologiegebunden, der "Organisationsform der Blasmusikkapelle in ihrer sozialgeschichtlichen Bedingtheit" und letzterer der 150jährigen Geschichte der "donauschwäbischen Gastspielreisen in alle Welt".

Wie üblich, werden die gesammelten Tagungsbeiträge in absehbarer Zeit wieder in einem internationalen Kongressbericht innerhalb der Reihe "Alta musica" vorliegen (Band VIII).


Werke zeitgenössischer Blasmusik uraufgeführt

Uster ist in den letzten 25 Jahren seit der Durchführung der ersten "Festlichen Tage" im Jahre 1956 mit dem Prinzip der Uraufführung zu einem wahren "Mekka der Blasmusik" geworden. Hier hat sich einen Art Prüfstand für zeitgenössische Blasmusik entwickelt, was nicht nur für die Kompositionen, sondern auch für die ausführenden Blasorchester gilt. Das nun seit einem Vierteljahrhundert wirksame persönliche Engagement und Risiko Albert Häberlings trägt seine Früchte. Seit einiger Zeit schon wenden sich Komponisten der Blasmusik zu, die bisher keine Beziehung zu ihr hatten. Mit Sicherheit wird sich das für beide Seiten als Vorteil erweisen. 

Das Programm der drei Konzerte brachte nicht nur Werke für große und kleinere Formationen, sondern auch zwei Arbeiten, die Vokales mit den Bläserischen kombinieren.

Zu den "Arrivierten" gesellt sich international bei Blasmusikneuschöpfungen nun deutlich die mittlere Generation, was aber nicht von vornherein einen weiteren Schritt in Richtung Experiment bedeutet. In den drei Konzerten ergab sich vielmehr ein äußerst breites Spektrum kompositorischer Formen. Die Anwesenheit der Komponisten schuf wie stets die Möglichkeit zur Weiterdiskussion.

Im Freitagkonzert waren aus Großbritannien Adrian Cruft mit "Threnody and Toccata" und John Golland mit "Prelude, Song and Dance" vertreten. "Sketches for Symphonic Band" steuerte Trevor J. Ford aus Norwegen bei, um ebenfalls symphonische Blasmusik handelt es sich bei den "Dance Etudes" des Amerikaners Jerome Sorcsek. "Cantare et sonare" verband "Schöpfung", eine Arbeit des Schweizers Paul Huber nach einem Gedicht von Friedrich Gottlob Klopstock.

Stark kontrastierend gegenüber dem ersten Konzert war das Programm vom Samstag, an dessen Anfang das höchst modern konzipierte "Pamphlet" des Schweizers Martin Wendel stand. Der in Uster seit Jahren mit neuen Arbeiten vertretene Japaner Masaru Kawasaki transponierte in seine "Romantic Episode" östliche philosophische Inhalte. Eine "Harmonie bicephale" mit zwei Dirigenten erfordert "Incantation et sacrifice" des Schweizers Jean Balissat. Einer "Sinfonie für Bläser" des Schweden Werner Wolf Glaser schloss sich bläserische Programmmusik des Japaners Goro Natori mit "A poem atmosphere in Tokyo" an. Die rhythmischen Elemente betont der Niederländer Henk Badings in "Epiphanie", blasmusikalischen Variationen über das Tessiner Volkslied "I tre re".

Zdenek Ionak aus der Tschechoslowakei schrieb in übersichtlicher Tonstruktur ein "Konzert für Trompete und Blasorchester". Es eröffnete das letzte Konzert am Sonntag und gab dem Solisten Eduard Bobowk Gelegenheit, sich in heiklen Intervallsprüngen zu bewähren. Das bisher einzige Werk für Blasorchester des Münchner Komponisten Peter Jona Korn ist "Salute to the lone wolves", eine viersätzige Sinfonie für großes Blasorchester. Ein sehr überzeugendes Beispiel neuer bläserischer Kammermusik ist "Media in vita", drei Hymnen für 16 Bläser, Pauken und Schlagzeug von Cesar Bresgen. Das abschließende Werk schrieb Albert Häberling selbst und führte es auch auf: "Reflexionen", Musik nach Sprichwörtern für gemischten Chor und Blasorchester, die in den Einzelteilen Hoffnung, Liebe, Glück und Wahrheit eine nachhaltige Beschwörung erfahren.

In unterschiedslos hoher Qualität figurierten die ausführenden Orchester: in der offiziellen Reihenfolge die Brass Band Eschlikon aus der Schweiz unter Martin Casentieri, das Stabsmusikkorps der deutschen Bundeswehr unter Andreas Lukacsy, die Stadtmusik Uster unter Albert Häberling mit dem Sängerbund Uster (Choreinstudierung Hans Rogner), die Musique de Landewehr Fribourg/Schweiz unter Jean Balissat, die Harmonie St. Michael Thorn aus den Niederlanden unter Walter Boeykens, das Zürcher Blasorchester unter Albert Häberling sowie die Kantorei St. Peter Zürich (Choreinstudierung Willi Gremlich) und "Audite nova" aus Zug in der Schweiz (Choreinstudierung Paul Kälin).

Beim abschließenden Festbankett unterstrich auch der Präsident des Österreichischen Blasmusikverbandes und derzeitige Präsident der CISM, Prof. Dr. Friedrich Weyermüller, das hohe Niveau der Gesamtveranstaltung und sprach allen Beteiligten große Anerkennung aus.

[Mitteilungsblatt Nr. 10, Juni 1982]

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