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1978 / TROSSINGEN

Die dritte internationale Fachtagung zur Erforschung und Förderung der Blasmusik in Trossingen / BRD

Fritz Thelen, Lindenberg/ Allgäu

Die Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik veranstaltete vom 13. bis 18. November 1978 ihre 3. Fachtagung in der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung in Trossingen im Schwarzwald. Konferenzthema war "Jugendarbeit in der Blasmusik". Round-table-Gespräche mit täglich wechselnden Schwerpunkten, Referate und Diskussionen machten ein Wochenprogramm aus, das in einem ersten Fazit folgende Feststellung erlaubt:

Die Arbeit der Gesellschaft ist in ein Stadium getreten, in dem die Bestandsaufnahmen der Durchleuchtung gegenwärtiger Problematik und der Abstimmung des Vorgehens in der Zukunft gewichen sind. Das internationale Phänomen Blasmusik von den Standpunkten nationaler Besonderheiten her präsentiert - hier zeigte sich, welche ungeheure Breitenwirkung diese musikalische Aktivität bei jungen Menschen in der ganzen Welt gewonnen hat. Mitunter kontrovers trafen die ausführlich begründeten Meinungen aufeinander. Die Abhängigkeit der Entwicklungen von nationalen und kolonisatorischen Einflüssen, aber auch von Adaptionen im Zusammenhang mit der Industrialisierung wurden sichtbar. Für feste Programme zu gemeinsamer Ausrichtung der Praxis ist es zwar offenbar noch zu früh, die Blasmusikarbeit wird aber auch in der Theorie durchaus kosmopolitischen Charakter annehmen, der wie manches andere Symbol und Vorreiter der entsprechenden politischen Entwicklungen werden kann.

Das Gesamtthema teilte sich in vier konzentrierte Arbeitsgebiete, zugleich Tagesmotti für die Round-table-Diskussionen, auf:

1) Aus- und Fortbildungsmodelle in der blasmusikalischen Jugendarbeit (Leitung: Eugen Brixel, Graz),
2) Musikwettbewerbe für Jugendliche (Leitung: Hans-Walter Berg, Trossingen),
3) Neue Jugendliteratur für Bläser (Leitung: Wolfgang Suppan, Graz),
4) Blasmusik in der Behinderten-Pädagogik (Leitung: Helmut Moog, Köln).

An den Nachmittagen gab es freie Referate mit verschiedenen Themen, deren Besonderheit darin lag, dass sie historische und aktuelle Entwicklungen der Heimatländer der Referenten darlegten. So erfuhr man beispielsweise über "Studien zur Geschichte des Militärmarsches" (Achim Hofer, Hagen), über "Schützenwesen und Blasmusik im Bodenseeraum" (Erich Schneider Bregenz), "Blasmusik im Kölner Karneval" (Werner Dürig, Köln), über Blasorchesterentwicklungen und den Versuch blasmusikalischen Unterrichts im Fernsehen in den USA (Otis Kitchen, Elizabethtown/USA, und David Whitwell, Northridge/USA) sowie über "Donauschäbische Musikanten in der Gefangenschaft" (Robert Rohr, München).

Hochinteressant am ersten Tag die Darstellung Eugen Brixels der seiner Meinung nach veralteten Methoden in den heutigen bläserischen Unterrichtspraktiken und die kritische Entgegnung dazu von Henk van Lijnschotten aus den Niederlanden. In den weiteren Diskussionen mit Trevor Ford (Bergen, Norwegen), Norman Heim (Maryland/USA) und Masaru Kawasaki (Tokio, Japan), kristallisierte sich ein Problem heraus, das heutzutage ein wissenschaftliches überhaupt ist und in der Blasmusikforschung besonders wichtig werden wird: die Form der sprachlichen und schriftlichen Kommunikation. Es muss sich, wenn man die große Menge aktiver Blasmusiker in der Welt erreichen will, eine Form der Darstellung entwickeln, die wenig Aufnahme- und Übersetzungsprobleme schafft; denn die Wissenschaft und ihr "Material" sind auf den ständigen Dialog angewiesen. - Auch die "Musikwettbewerbe für Jugendliche" am zweiten Konferenztag standen zwischen dem Für und Wider der fachlichen Ansichten. Während Hans-Walter Berg aus der Sicht der Bundesakademie in Trossingen und nach den Erfahrungen im Deutschen Musikrat den bundesdeutschen Wettbewerb "Jugend musiziert" als wichtig für den Nachwuchs einerseits und das Musikleben andererseits charakterisierte, meldete Wilhelm Keller aus Salzburg vor allem Bedenken gegen die Modalitäten der Durchführung an. Heinrich Braun aus Radolfzell, Alfred Gross aus Wangen und Albert Häberling aus Zürich steuerten weitere interessante Ansichten bei.

Unter Wolfgang Suppans Gesprächsleitung ging die Round-Table-Diskussion zum Thema "Neue Jugend-Literatur für Bläser" am dritten Tag vor sich. Die Ausführungen bildeten insgesamt eine höchst sinnvolle Ergänzung zu den Themen der Vortage, schon von dem Gesichtspunkt her, dass sich Blasmusik nicht nur durch die Qualität der instrumentalen Realisation, sondern vor allem auch durch die Art der gebotenen Musik selbst darstellt. Zur Sprache kam zwischen den Diskussionsteilnehmern Peter Hoch aus Trossingen, Tomas Hancl aus der CSSR, Bernhard Schule aus Genf und Fritz Thelen aus Lindenberg die bedeutsame Ausweitung des Blickfeldes durch die Internationalisierung der letzten Jahre, die aber auch eine gewisse Verunsicherung in der unerlässlichen Wertung mit sich gebracht hat. Das immense Angebot an neuer Blasmusik aus den Sparten U-Musik und E-Musik erfolgt deutlich auch im Hinblick auf die Breitenwirkung durch gesicherte Aufführungen. Insofern hat das Element der Kommerzialisierung auch in der Blasmusik bereits erhebliches Gewicht erlangt. Das zweite erklärte Ziel im Namen der Internationalen Gesellschaft, die Förderung der Blasmusik, gewinnt in dieser Hinsicht für die nächste Zeit besondere Bedeutung.

Dem soziologisch und pädagogisch unerhört wichtigen Thema "Blasmusik in der Behinderten-Pädagogik" war der vierte Tag unter der Gesprächsführung von Helmut Moog, Köln, gewidmet. Diese Forschung im Rahmen der Arbeit der Gesellschaft schafft Voraussetzungen, deren Nutzung geradezu ein staatliches Anliegen werden muss. In Trossingen fand der Austausch der Erfahrungen auf diesem Gebiet statt unter Antonius van Uden aus den Niederlanden, Wolfgang Oelsner, Köln, Jobst Peter Fricke, Köln, Hermann-Josef Pesch aus Leverkusen und Hans-Walter Berg, Trossingen.

An allen vier Tagen wurden Referate und Diskussionen in deutscher und englischer Sprache abgehalten. Bernard Schulé aus Genf leistete von Fall zu Fall wertvolle Übersetzungshilfen.

Die sehr offenen, sachlichen und fundierten Dialoge der dritten Konferenz in Trossingen, die in demokratischer und unprätentiöser Atmosphäre stattfanden, lassen die Zukunft der Gesellschaft, ihre wissenschaftliche, kulturelle und humane Arbeit, gute Prognosen zu. Gewähr dafür bieten nicht nur ihre aus West und Ost gebildete Internationalität, sondern auch die fachliche und menschliche Disposition ihrer Führungspersönlichkeiten. In Trossingen gab die "Bundesakademie für musikalische Jugendbildung" unter der Leitung von Hans-Walter Berg und "Nestor" Guido Waldmann als Vorsitzendem des Trägervereins für den Kongress den denkbar besten Rahmen.

Die Gesellschaft nutzte die Gelegenheit auch für eine außerordentliche Generalversammlung. Die Berichte von Präsident Wolfgang Suppan, Generalsekretär Eugen Brixel, der Kassenbericht von Erich Schneider und die internen Beratungen wurden mit der gebotenen Zügigkeit abgewickelt. Als nächste Konferenzorte sind London, Uster in der Schweiz und Stockholm in Aussicht genommen. Vizepräsident Dr. Biber, Bern, erhielt im Rahmen dieser Versammlung unter dem Beifall der Anwesenden die Urkunde seiner Ernennung zum Ehrenmitglied der Gesellschaft überreicht.

Ein Konzert des Jugendblasorchesters Radolfzell unter Heinrich Braun ergänzte die theoretischen Beiträge. In die Programmgestaltung fügten sich Solovorträge, das so genannte "Spiel in kleinen Gruppen" und Orchesterdarbietungen organisch ein. Gleichzeitig war das Gebotene beispielhaft für die Vielfalt der Blasmusikliteratur. Matthias Berg als Solist im Konzertstück für Waldhorn und Blasorchester von Fried Walter demonstrierte eine mögliche Leistung bläserischen Musizierens von Körperbehinderten.

Verleger Klaus Schulz hatte, in kollegialer Arbeit auch für andere deutsche Blasmusikverlage, am Rande der Tagung eine Ausstellung mit Literatur, Schallplatten und Kassetten organisiert.

[Mitteilungsblatt Nr.5, März 1979]

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