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1977 / USTER

Die zweite Konferenz der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik
in Verbindung mit den Festlichen Musiktagen

Fritz Thelen, Lindenberg/ Allgäu

Landläufig verbindet man mit Blasmusik die Vorstellung von Vereins- und Verbandsaktivitäten, d.h. von Veranstaltungen der Blasmusikverbände und ihrer Mitgliederkapellen. Es heißt das Gemeinschaftsbildende in der Blasmusik nicht verkennen noch seine Bedeutung unterschätzen, wenn man die "Festlichen Musiktage 1977" von Uster in der Schweiz in ihrer diesjährigen besonderen Konstellation, nämlich als Unternehmung von Kräften, die völlig außerhalb der Verbandstraditionen stehen, einmal als das in dem Bereich schlechthin Notwendige und Folgerichtige bezeichnet. Gleich hier sei auch die Begründung dazu geliefert: Kulturelles Wirken, das sich im Verein abspielt, gerät immer in Gefahr, in der narzistischen Selbstbespiegelung zu verharren. Kritik und Analyse, die von außen kommen, werden leicht als feindlich missverstanden. Das gilt für die Blasmusik als sozial institutionalisierte Musikpflege in besonderer Weise. Sie bedarf, will sie als Kulturfaktor weiterhin und vielleicht noch in erheblicherem Umfang zählen, des Kontaktes mit musikkulturellen Initiativen, die außerhalb ihrer Institutionen wirken, und der musikwissenschaftlichen Aufarbeitung.

Als gemeinschaftliche Unternehmung des seit zwei Jahrzehnten florierenden Forums zeitgenössischer Blasmusik in Uster im Kanton Zürich und der vor drei Jahren gegründeten Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik mit Sitz in Graz (International Society for the Promotion of Wind Music - Societe internationale pour la Promotion de la Musique d'instruments a vent) setzte die Veranstaltung in den ersten Oktobertagen in Uster wichtige Maßstäbe und Akzente. Internationalität ist beiden Gruppierungen eigen, den "Festlichen Musiktagen" zugewachsen in zwanzig Jahren kontinuierlicher Entwicklung und der "Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik" a priori von der Zielsetzung und ihren Mitgliedern her. Dass sich, wie immer bei solchen Vorgängen, das Ganze bei der Zurückverfolgung auch von der Arbeit von Einzelpersönlichkeiten aus betrachten lässt, ist selbstverständlich. In diesen beiden Fällen stehen dafür die Namen Albert Häberling und Wolfgang Suppan. 

Während man in Uster mit guten Orchestern neue Blasmusik präsentiert und praktische Fragen wie Besetzung, Aufführungstechnik, Instrumentation oder Verlagskooperation international diskutiert, veranstaltet die "Gesellschaft" periodisch internationale Kongresse mit Beteiligung von Ost und West, gibt eine Publikationsreihe "Alta musica" und ein Mitteilungsblatt heraus und unternimmt als erste Körperschaft die planmäßige Erforschung der komplexen Kulturerscheinung Blasmusik in Vergangenheit und Gegenwart.

Unter diesen Vorzeichen liefen die Fachtagung der Gesellschaft und das musikalische Programm ab. Deren Würdigung muss wie immer die Erwähnung der vorzüglichen Organisation der Veranstaltung durch das örtliche Komitee unter der Leitung von Ernst Brassel vorangehen. Die Gönnerschaft der Stadt Uster, ihre ideelle und finanzielle Förderung wie die großzügige Unterstützung einzelner Bürger verschafften den Tagen einen Rahmen, der ihrem kulturellen Gewicht nicht nachstand.

Kurt von Fischer, der Leiter des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich, hatte die Schirmherrschaft übernommen. Seine Einführungsworte zu der Tagung gingen der Stellung der Blasmusik im Gesamtmusikleben nach. Präsident Wolfgang Suppan bekräftigte für die Gesellschaft die Essenz seiner einschlägigen Forschungsarbeit und musikalischen Praxis, dass Blasmusik nicht länger als in einem Kulturbereich angesiedelt betrachtet werden könne, der für den Wissenschaftler nicht standesgemäß sei.

Die Mehrzahl der Vorträge, die an drei aufeinander folgenden Tagen in von der Firma Zellweger A.G. zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten stattfanden, hatte historische Themen. Das entspricht dem ungeheuren Nachholbedarf an "Vergangenheitsbewältigung", die dem Selbstverständnis der Blasmusik von heute so dringend nötig ist. Themen wie "Der ritterliche Stand der Trompeter und Pauker", behandelt von Hermine Nicolussi aus Wien, "Zum Repertoire der Türmer, Stadtpfeifer und Ratsmusiker im 17. und 18. Jahrhundert" (Detlef Altenburg, Köln), "Blasmusik zur Zeit der Französischen Revolution" (David Whitwell), "Frühe Harmonietranskriptionen des 19. Jahrhunderts" (Kurt Janetzky, Wiesloch), "Schweizer Pfeifertraditionen", zu dem Walter Biber aus Bern, Vizepräsident der Gesellschaft, sprach, "Das deutsche Spielmannswesen" (Friedrich Deisenroth aus Siegburg), die von dem Brasilianer Schwebel behandelte "Entwicklung der Blasmusik in Brasilien" und der von Robert Rohr aus München dargestellte "donauschwäbische Beitrag an den deutschen Blasmusik-Schallplattenproduktionen in Amerika zwischen den beiden Weltkriegen" warfen Schlaglichter auf Komponenten, von denen eine noch zu schreibende Weltgeschichte der Blasmusik auszugehen hat. Andere wesentliche Vorträge bezeugten den erziehungswissenschaftlichen Charakter der Blasmusikforschung, der vor allem Volkskunde, Landeskunde und Soziologie berührt. So sprach Wolfgang Suppan selbst über "Musikvereins-Festschriften als musik- und sozialgeschichtliche Quellen", Hellmut Christoph Mahling, Saarbrücken, über "Arrangements für Blasinstrumente und ihr sozialgeschichtlicher Hintergrund", der Dissertant Peter Ruhr, Freiburg i. Br., steuerte Ausführungen zu seinem Thema "Die Blasmusik in der Provinz, deren Aufgaben und Funktion" bei. Einen interessanten sozialpädagogischen Erfahrungsbericht gab Helmut Moog, Köln, über "Blasinstrumente der Blinden und Gehörgeschädigten". Aktuellen musiktheoretischen Erörterungen widmeten sich Eugen Brixel mit "Blasmusik und Avantgarde", Tomas Hancl, Ostrava/CSSR, mit "Exponierte Bläserpartien in den Werken Leos Janaceks", Norman M. Heim, Maryland/USA mit "The Clarinet Choir" und Georg Duthaler-Gfeller, Basel, mit "Das Signal".

Die gesammelten Ausführungen wird die Gesellschaft in Kürze als internationalen Kongressbericht vorlegen (ALTA MUSICA, Band IV).

In der Burg fand im Verlauf des Tagungsprogrammes auch die Generalversammlung der Gesellschaft statt. Präsident Wolfgang Suppan und Generalsekretär Eugen Brixel gaben ihre Berichte ab. Es wurde, nicht zuletzt im Interesse der Finanzierung der Aufgaben der Gesellschaft, verstärkte Mitgliederwerbung diskutiert. Zum zweiten Ehrenmitglied wurde nach dem Unterzeichneten Walter Biber, der Vizepräsident der Gesellschaft, ernannt. Die Neuwahlen zum Präsidium ergaben die Bestätigung der Persönlichkeiten in den Hauptfunktionen; daneben werden als Neugewählte mitwirken Detlef Altenburg, Friedrich Deisenroth, Erich Schneider und Albert Häberling. Die nächste internationale Fachtagung der Gesellschaft soll im kommenden Jahr mit dem thematischen Schwerpunkt auf blasmusikalischer Jugendarbeit in der bundesdeutschen Akademie für musikalische Jugendbildung in Trossingen stattfinden.

Gesellschaftliche Arrangements lockerten den Tagungs- und Konzertablauf auf. Bei einem Festbankett, zu dem die Stadt Uster geladen hatte, wurde Albert Häberling, dem Initiator und Spiritus rector der "Festlichen Tage", "für hervorragende schöpferische Arbeit in der Blasmusik" der mit 2000 Sfr. dotierte "Preis der Schweizer Musikanten in memoriam Stefan Jaeggi" verliehen.

Das musikalische Charakteristikum der "Festlichen Tage" ist von jeher die Uraufführung. dass bei mehreren Neuvorlagen naturgemäß nicht nur heterogene Stilelemente, sondern auch sehr unterschiedliche Qualitäten zu Tage treten, ist selbstverständlich. Es ist ja das Prinzip von Uster, auch diese Arbeiten zunächst zur Diskussion zu stellen; man hat es nicht mit "Festkonzerten" allein zu tun. "Die Avantgarde ist nicht immer vorne" lässt sich Guido Fässler zitieren: seine Toccata für Blasorchester bezeichnet so auch ein bestimmtes, inzwischen bereits vergangenes Stadium einer musikalisch-modernen Entwicklung; hier ist noch echte musikalische Substanz vorhanden, das Experiment beschränkt sich auf das Praktische und Praktikable, verliert sich nicht im allzu Künstlichen. "Heterogene", ein Werk des Österreichers Ernst Ludwig Uray, das auf den Spaltklang höchst unterschiedlicher Instrumentalfarben hin angelegt, verschmilzt zu einer interessanten Struktur, deren Liniengeflecht noch gut zu erkennen ist. In "Transformationen" ist Albert Benz eine überzeugende "Umfunktionierung" des letzten Satzes aus der Suite "Kinderspiele" von Bizet gelungen. Dieses Stück ist blasmusikspezifisch angelegt und überrascht durch gekonnte rhythmische Episoden. Das hervorragend vorbereitete Blasorchester der Stadtmusik Luzern brachte unter seiner Leitung alle drei Werke zu einer prächtigen und wirkungsvollen Aufführung. Interessant auch ein Werk Henk van Lijnschootens (Niederlande). "Three Caprices for Band" erweist sich als eine eigenwillige Aufreihung sich vielfältig rhythmisch, dynamisch und tonal abwechselnder Zwischenspiele, dabei nicht übertrieben modernistisch, den verschiedenen Instrumenten sangliche Linien zuweisend. Starken Eindruck hinterließ die urmusikantische Schöpfung "Prager Sinfonietta" des slavischen Komponisten Josef Ceremuga. Höchste Bewunderung verdient an erster Stelle das für solche Aufgaben glänzend disponierte Blasorchester Sofia unter Sascho Michajlov. Man darf dem Orchester authentische Interpretationen bescheinigen.

Im dritten Konzert kam Albert Häberling mit seinen "Spielarten" zu Wort. Das hier vorgelegte Werk zeigt in verschiedenen Varianten überzeugende Aspekte seines Schaffens: Das erste reine Bläserstück experimentiert - nicht allzu avantgardistisch - mit Möglichkeiten der Zusammenfügung von Bläserstimmen in verschiedenen Ebenen, zeitlich, dynamisch, klangfarbenabhängig, das ganze in mehreren Teilen, die sich im Zeitmaß abwechseln und Eindruck hinterlassen. Mit seiner Stadtmusik Uster gab es ein ausdrucksstarkes Musizieren. Ganz im Bannkreis der Moderne angesiedelt ist "Canadian Impressions" von Jan Segers (Belgien), die der Musikverein Speicher versiert, mit der hier unabdingbaren Expressionsdichte zu klingendem Leben erweckte. "A More Proper Burial Music for Wolfgang" brachte die Bekanntschaft mit Tonsetzer Grant Fletcher (USA). Kühle und scheinbar leidenschaftslose Konstruktionen im Bereich von Harmonik und Rhythmus bilden einen seltsamen Kontrast zu der oft dämonischen Hintergründigkeit von Klang und dynamisch-rhythmischem Ausbruch. "Russische Weisen" bezeichnet sich eine Komposition von Alexander Tscherepnin (USA). Sie vereint auch Elemente einer klassizistischen Haltung, ist formal klar gegliedert, transparent in ihrer Struktur, melodisch wie harmonisch reizvoll und weit entfernt von dem Begriff Atonalität. Liltscho Borissov (Bulgarien) machte mit seinen "Szenen aus Sofia" auf sein Talent aufmerksam. Seine Musik vereint Reihentechnik mit bulgarischer Sinnenfreude und zeichnet sich durch prägnante Thematik, impulsive Rhythmik, sowie Sinn für Brillanz und Effekt aus. Sascho Michajlov brachte mit seinem Sofioter Blasorchester die vielfältig schillernden Klang- und Ausdrucksbezirke der Tonschöpfungen mit wohl berechneten Steigerungen zu bestechender Klangwirkung.

[Mitteilungsblatt Nr.4, April 1978]

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