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1974 / GRAZ
Bericht über den Gründungskongress der IGEB
Fritz Thelen, Lindenberg/ Allgäu
Graz - Standort für die Blasmusikforschung
Die Blasmusik hat seit der Fachtagung "ALTA MUSICA", veranstaltet auf internationaler Basis
vom 25. bis 29. November 1974 an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz, eine
wissenschaftliche Heimstatt erhalten. In die zwar noch immer seltenen, aber doch da und dort in
Europa und Amerika als, Einzelinitiativen und Gruppenarbeiten wahrnehmbaren Bestrebungen zur
wissenschaftlichen Aufbereitung des Materials Blasmusik soll nun System kommen. Das
Unternehmen war überfällig. Was fehlte bisher zu seiner Verwirklichung? Die Kompetenz, der
Mut, der institutionelle Rückhalt? Als jahrzehntelang Beteiligter weiß man: alles zusammen. Das
war lange so. Und als dann die eine und andere Grundvoraussetzung gegeben war, fehlte die
unabdingbar notwendige dritte. Jetzt ist Graz, der alten Stadt mit den seit je als fortschrittlich
bekannten Intentionen, und seiner Hochschule für Musik und darstellende Kunst das Los
zugefallen.
Das ist kein Zufall. Das Blasmusikforschungsprogramm kam nach Graz mit Wolfgang Suppan, der
seit etwa einem Jahr das musikethnologische Institut an der Musikhochschule leitet und zu diesem
Zweck nach einem Jahrzehnt der wissenschaftlichen Arbeit am Deutschen Volksliedarchiv in
Freiburg, an der Universität Mainz und des - immer noch andauernden - umfangreichen Einsatzes im
deutschen Blasmusikleben in seine steirische Heimat zurückkehrte. Ihm zur Seite steht Eugen Brixel. Seiner Verantwortung oblag die vorzügliche Organisation der internationalen Grazer
Fachtagung.
Es mag der Vorzug des Standortes Graz gewesen sein, dass außer den Referenten aus verschiedenen
Teilen Österreichs, der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland Fachleute aus der
Tschechoslowakei und aus Ungarn auch die osteuropäischen Entwicklungen in der Blasmusik mit
Vorträgen ins Blickfeld rücken konnten. Die starke Verquickung von Blasmusik und Volkstum
wurde gerade in ihren Beiträgen besonders deutlich, wie denn auch die Tagung als Ganzes den
Beweis erbrachte, dass Blasmusikforschung in der Tat zur Hauptsache ein musikethnologisches
Anliegen sein muss.
Die Vielfalt der Themen dokumentierte die Richtungen, aus denen Forschungsansätze möglich und
notwendig sind. Die demokratische und unprätentiöse Form der Tagung ist eigens hervorzuheben.
Hier wurde nichts und niemand gefeiert, wie es sich in einer jungen Wissenschaft gehört. Es wurde
gearbeitet, d. h. dargestellt und diskutiert. Und daneben wurde auch musiziert.
Eröffnung
und Referate
Nachdem Prof. Dr. Friedrich Korcak, der Rektor der Grazer Musikhochschule, die Tagungsteilnehmer am ersten Veranstaltungstag im Palais Meran begrüßt und Ministerialrat Dr.
Krenstetter die Tagung offiziell eröffnet hatte, hielt Wolfgang Suppan den ersten Fachvortrag, ein
Grundsatzreferat mit dem Thema "Das Blasorchester – seine musikalischen, soziologischen und
ökonomischen Grundlagen".
Die überaus gründlichen und kennerischen Ausführungen bieten für die Zukunft mehreren Forschungsunternehmen wichtige Ansatzpunkte. Am zweiten Tag referierten unter dem Vorsitz
und der Diskussionsleitung von Hellmut Federhofer Georg Karstädt (Lübeck) über die
"Verwendung der Hörner in der Jagdmusik", Jürgen Eppelsheim (München) über "Das Subkontrafagott – eine spezielle Erscheinung der Blasmusik des 19. Jahrhunderts" und Eugen
Brixel (Graz) über "Tongemälde und Schlachtenmusik – ein militärmusikalisches Genre des 19.
Jahrhunderts". Ein reges Rundgespräch nach der Ausführung der in Zusammenhang stehenden
Themen begleitete die interessanten Darstellungen. Ein Empfang beim Bürgermeister der Stadt
Graz, Dipl.-Ing. DDr. Alexander Götz, schloss sich an.
Wichtige Gesichtspunkte lieferten am Vormittag des dritten Veranstaltungstages, wie bereits
angedeutet, unter dem Vorsitz und der Diskussionsleitung von Wolfgang Suppan die Vorträge von
Thomas Hancl (Ostrava, CSSR), zur "Situation der Blasmusik in der CSSR", von Balint Sarosi
(Budapest) über "Eine ungarische Bauernkapelle", von Werner J. Düring (Köln) über "Blasmusik
am Dreikönigsgymnasium zu Köln", von H. Moog (Köln) zum "Einsatz von Blechblasinstrumenten
in der Sonderpädagogik" und von Othmar K. M. Zaubek (Wien) über "Blasmusikmuseum und
Blasmusikarchiv in ihrer Bedeutung für die regionale Blasmusikkunde". Am Nachmittag war
Christoph Hellmut Mahling Diskussionsleiter. Oskar Stollberg (Schwabach) sprach über "Die
Blasmusik – ihr Verhältnis zu den Schulkantoreien im Reformationszeitalter", Wendelin Müller-Blattau (Saarbrücken) über "Venezianische Bläsermusik – Kompositionsstil und
Aufführungspraxis", Detlef Altenburg (Köln) zum "Repertoire der Hoftrompeter im 17. und 18.
Jahrhundert" und Ludwig Blank, Wasseralfingen, über "Die Entwicklung des zivilen Blasmusikwesens in Nordwürttemberg". Am Abend empfing der Landeshauptmann für Steiermark,
Dr. Friedrich Niederl, die Tagungsteilnehmer auf der Grazer Burg.
Auch am vierten Tag gab es ein dichtgedrängtes Programm wissenschaftlicher Darstellungen. Am
Vormittag präsidierte Wendelin Müller-Blattau und leitete die Diskussion. Hellmut Federhofer
(Mainz) sprach über "Blasinstrumente und Blasmusik in der Steiermark bis zum Ende des 18.
Jahrhunderts", Christoph Hellmut Mahling (Saarbrücken) erläuterte die "Rolle der Blasmusik im
saarländischen Industriegebiet im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert" und Hans Hadamowsky
(Wien) gab eine Stellungnahme zu den Blasorchestern aus der Sicht des "Hochschulinstitutes für Wiener Klangstil" ab. Nachmittags referierten Walter Biber (Bern) über "Das Blasmusikwesen der
Schweiz in Geschichte und Gegenwart" und Erich Schneider (Bregenz) über "Die Entwicklung des
Blasmusikwesen in Vorarlberg". Friedrich Körner hatte Vorsitz und Diskussionsleitung.
Die letzten Vorträge hielten am Freitag Friedrich Körner (Graz) über "Instrumentenkundliche
Untersuchungsmethoden in der Erforschung der Blechblasinstrumente" und der Berichterstatter mit
einer Monographie über den bekannten Blasmusikkomponisten Willy Schneider. Eugen Brixel
leitete die rege Diskussion im Anschluss.
Erfolgsfazit von überragender Wichtigkeit war die im Rahmen der Tagung durchgeführte
konstituierende Sitzung der "Kommission zur Erforschung und Förderung der Blasmusik" unter
Vorsitz von Fritz Waldstädter. Eine solche wissenschaftliche Vereinigung war unter Führung von
Wolfgang Suppan bereits 1967 in Sindelfingen in Württemberg in Aussicht genommen und mit
Zielen und Aufgabenbereichen konzipiert worden. Zur vollen Realisierung kam es nun in Graz.
Konzerte
von hohem Niveau
Die beiden Konzerte, welche das Grazer Vortragsprogramm ergänzten, entsprachen dem hohen
Niveau der Tagung. Im Minoritensaal musizierten das sinfonische Hochschulblasorchester und
weitere Bläserkreise der Musikhochschule. Präludium und Fuge von Herbert König, die
hochinteressante "Sonata solemnis" von Hans Hadamowsky (der Komponist war anwesend), ein
Concertino für vier Pauken, Blechbläser und Schlagzeug von Michael Colgrass, die bekannte
Bläserserenade op. 7 von Richard Strauss, die bläserisch beispielhaft komponierten
Choralmeditationen von Karl Haidmayer und die Ouvertüre für Harmoniemusik von Felix
Mendelssohn Bartholdy bildeten ein stilistisch sehr informatives Programm. Das
Hochschulblasorchester verblüfft durch seine ungewöhnlich starke Holzbesetzung, die seine
Klangqualität steigert. Es stand unter dem Dirigat von Adolf Hennig. Hans Meister leitete die
hervorragend musizierenden Bläserkreise. – Mit Werken von Franz Schmidt gab das
Bläserensemble der Hochschule für Musik und darstellende Kunst mit Ernst Triebl und Hans
Trummer an der Orgel ein vielbeachtetes Kirchenkonzert in der Grazer Stadtpfarrkirche.
[Mitteilungsblatt Nr.1, Juli 1975]

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